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Unternehmensbewertung: Die 3 wichtigsten Methoden im Vergleich

EBITDA-Multiple, DCF oder Substanzwert — welche Bewertungsmethode ist die richtige für Ihr Unternehmen? Ein sachlicher Überblick für Geschäftsführer.

MeinFirmenExit Redaktion20. Februar 202612 Min. Lesezeit

Warum die Wahl der Methode entscheidend ist

„Was ist mein Unternehmen wert?" — diese Frage wird je nach Kontext unterschiedlich beantwortet. Beim Unternehmensverkauf im deutschen Mittelstand dominieren Marktmethoden (EBITDA-Multiples, Umsatz-Multiples), während bei Erbschaftssteuern oder Scheidungen das IDW S1-Ertragswertverfahren greift.

Der Unterschied zwischen der richtigen und der falschen Methode kann schnell mehrere Hunderttausend Euro ausmachen. Ein SaaS-Unternehmen, das mit dem Substanzwert bewertet wird, verliert den Grossteil seines immateriellen Wertes. Umgekehrt kann ein DCF-Modell bei einem schrumpfenden Handwerksbetrieb eine unrealistische Bewertung produzieren, die in jeder Verhandlung zusammenbricht.

Dieser Beitrag gibt einen praxisorientierten Überblick über die drei wichtigsten Methoden — und erklärt, wann welche zutrifft, wie die Berechnungen konkret funktionieren und welche Fehler Sie vermeiden sollten.

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Wann welche Methode? Der Entscheidungsbaum

Die richtige Methode hängt von Ihrem Unternehmen und dem Bewertungsanlass ab. In der Praxis entscheiden drei Faktoren: Ertragslage, Wachstumsdynamik und Vermögensstruktur.

1

Stabiles EBITDA vorhanden?

Prüfung

Wenn Ihr Unternehmen ein positives, wiederkehrendes EBITDA erwirtschaftet (mindestens 3 Jahre Historik), ist die EBITDA-Multiple-Methode der Standardansatz. Das betrifft rund 80% aller KMU-Transaktionen im deutschen Mittelstand.

2

Hohes Wachstum, niedriges aktuelles EBITDA?

Prüfung

Unternehmen mit zweistelligen Wachstumsraten, aber noch niedrigen oder negativen Erträgen werden besser mit der DCF-Methode oder einem Umsatz-Multiple bewertet. Das betrifft vor allem Tech-Startups und junge SaaS-Unternehmen.

3

Substanzreiches Unternehmen?

Prüfung

Wenn Immobilien, Maschinen oder Grundstücke den wesentlichen Wert ausmachen, dient der Substanzwert als Mindestpreis. Bei Holding-Strukturen oder Unternehmen in der Krise ist er oft der relevanteste Ansatz.

4

Rechtlicher Bewertungsanlass?

Prüfung

Bei Erbschaft, Schenkung oder Scheidung ist das IDW S1-Ertragswertverfahren rechtlich vorgeschrieben. Ein Wirtschaftsprüfer erstellt dann ein formelles Gutachten — das kostet 15.000 bis 50.000 EUR, ist aber für den Rechtsverkehr erforderlich.

Im Folgenden stellen wir die drei marktrelevanten Methoden im Detail vor — mit konkreten Berechnungsbeispielen und den Fallstricken, die in der Praxis auftreten.

Methode 1: EBITDA-Multiple (Marktmethode)

Die EBITDA-Multiple-Methode ist der Standard bei M&A-Transaktionen im deutschen Mittelstand. Über 80% aller Unternehmensverkäufe in Deutschland nutzen sie als primären Bewertungsansatz.

Formel: Normalisiertes EBITDA x branchenspezifischer Multiple = Enterprise Value

Was bedeutet "normalisiertes EBITDA"?

Das EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation, Amortization) wird um Einmaleffekte bereinigt: Übergehalt des Inhabers, nicht betriebsnotwendige Ausgaben, ausserordentliche Erträge oder Aufwendungen. Dieser Bereinigungsprozess (Normalisierung) ist einer der kritischsten Schritte der gesamten Bewertung — hier entscheidet sich, ob Sie 500.000 EUR oder 700.000 EUR als Bewertungsbasis nutzen.

Der Normalisierungsprozess im Detail

Die Bereinigung des EBITDA folgt einem klar strukturierten Vorgehen. Typische Bereinigungspositionen im deutschen Mittelstand:

EBITDA-Normalisierung: Praxisbeispiel Dienstleistungsunternehmen

Jahresüberschuss laut GuV180.000 EUR
+ Zinsen und ähnliche Aufwendungen45.000 EUR
+ Steuern vom Einkommen und Ertrag95.000 EUR
+ Abschreibungen60.000 EUR
= EBITDA (unbereinigt)380.000 EUR
+ Inhabergehalt über Marktniveau (200K statt 120K)80.000 EUR
+ Privater PKW-Anteil18.000 EUR
+ Einmalige Rechtsberatungskosten (Gesellschafterstreit)35.000 EUR
− Mieteinnahmen aus nicht-betriebsnotwendiger Immobilie-24.000 EUR
= Normalisiertes EBITDA489.000 EUR

Inhabergehalt: Dies ist die haeufigste und wirkungsvollste Bereinigung. Wenn der Inhaber sich 200.000 EUR Gehalt zahlt, der Marktpreis fuer einen angestellten Geschaeftsfuehrer aber bei 120.000 EUR liegt, werden 80.000 EUR zum EBITDA addiert. Umgekehrt: Zahlt sich der Inhaber unterdurchschnittlich wenig, muss das EBITDA nach unten korrigiert werden.

Private Aufwendungen: Firmenwagen mit ueberwiegend privater Nutzung, Reisekosten ohne Geschaeftsbezug, Versicherungen fuer Familienangehoerige — alles, was ein Kaeufermanagement nicht weiterfuehren wuerde, wird herausgerechnet.

Einmaleffekte: Rechtsstreitigkeiten, Umzugskosten, Abfindungen, ausserordentliche Reparaturen oder einmalige Projekterlöse verzerren das operative Ergebnis und werden neutralisiert.

3-Jahres-Durchschnitt als Basis

In der Praxis wird das normalisierte EBITDA als gewichteter Durchschnitt der letzten 3 Jahre berechnet — mit hoeherer Gewichtung des juengsten Jahres (z.B. 50% letztes Jahr, 30% Vorjahr, 20% Vor-Vorjahr). Das glaettet Schwankungen und gibt ein realistischeres Bild.

Branchenspezifische Multiples 2026

Die Hoehe des Multiples haengt von Branche, Unternehmensgrösse, Wachstumsrate, Margenqualitaet, Inhaberunabhaengigkeit und Kundendiversifikation ab. Die folgenden Werte sind Orientierungswerte fuer den deutschen Mittelstand:

Software und SaaS6x – 14x
9.5x
Gesundheitswesen5x – 10x
7x
Produktion und Industrie4.5x – 8.5x
6x
Dienstleistungen4x – 8x
5.5x
Handwerk und Gebaeudetechnik3x – 6.5x
4.5x

Die Benchmark-Linie zeigt den Median fuer Transaktionen im jeweiligen Sektor. Wo Ihr Unternehmen innerhalb der Range liegt, haengt von den sogenannten Multiple-Treibern ab:

  • Oberes Ende der Range: Wiederkehrende Umsaetze, hohes Wachstum, diversifizierter Kundenstamm, inhaberunabhaengig, starke Marke, geringe Kapitalintensitaet
  • Unteres Ende der Range: Einzelkundenabhaengigkeit, ruecklaeufige Umsaetze, inhaberabhaengig, hohe Investitionsbedarfe, regulatorische Risiken

Vom Enterprise Value zum Equity Value

Der Enterprise Value ist nicht das, was auf Ihrem Konto landet. Der tatsaechliche Kaufpreis fuer den Eigentuemer (Equity Value) ergibt sich nach Abzug der Nettofinanzverbindlichkeiten:

Enterprise Value zu Equity Value (Bridge)

Normalisiertes EBITDA489.000 EUR
x Multiple (Dienstleistungen, Median)5,5x
= Enterprise Value2.690.000 EUR
− Bankverbindlichkeiten-320.000 EUR
− Gesellschafterdarlehen-150.000 EUR
+ Ueberschuessiges Cash (ueber Normal-Working-Capital)+85.000 EUR
= Equity Value (Kaufpreis fuer Eigentuemer)2.305.000 EUR

Vorteil: Marktbasiert, verstaendlich, direkt vergleichbar mit realen Transaktionen. Nachteil: Abhaengig von Marktlage (in Krisen sinken Multiples deutlich). Multiples reflektieren Vergangenheitswerte — rasante Veraenderungen im Geschaeftsmodell werden nicht abgebildet.

Methode 2: DCF-Methode (Discounted Cash Flow)

Die DCF-Methode berechnet den Barwert aller zukuenftigen freien Cash Flows des Unternehmens. Sie beantwortet die Frage: "Was ist der heutige Wert aller Gewinne, die dieses Unternehmen in der Zukunft erwirtschaften wird?"

Formel: Unternehmenswert = Summe (FCF_t / (1 + r)^t) + Terminalwert

Dabei ist r der gewichtete Kapitalkostensatz (WACC) — typischerweise 10 bis 15% fuer mittelstaendische Unternehmen.

WACC: Der Diskontierungssatz erklaert

Der WACC (Weighted Average Cost of Capital) ist der Zinssatz, mit dem zukuenftige Cash Flows auf den heutigen Wert abgezinst werden. Er setzt sich zusammen aus:

  • Eigenkapitalkosten: Risikofreier Zinssatz (aktuell ca. 2,5% auf Basis 10-jaehriger Bundesanleihen) plus Marktrisikopr aemie (ca. 6%) plus unternehmensspezifischer Risikozuschlag (3 bis 8% fuer KMU)
  • Fremdkapitalkosten: Durchschnittlicher Zinssatz auf bestehende Bankverbindlichkeiten, steuerbereinigt

Fuer ein typisches KMU ohne boersliche Referenz ergibt sich ein WACC von 12 bis 18%. Das bedeutet: Ein Euro, den das Unternehmen in 5 Jahren erwirtschaftet, ist heute nur 50 bis 60 Cent wert. Je hoeher das wahrgenommene Risiko, desto staerker die Abzinsung — und desto niedriger der Unternehmenswert.

Warum der WACC bei KMU hoeher ist als bei Konzernen

Boersennotierte Unternehmen haben typischerweise einen WACC von 7 bis 10%. Der deutlich hoehere Wert bei KMU spiegelt reale Risiken wider: Abhaengigkeit von wenigen Personen, geringere Diversifikation, eingeschraenkte Kapitalmarktzugaenge und hoehere Volatilitaet der Ergebnisse. Jeder Prozentpunkt mehr beim WACC reduziert den Unternehmenswert um 8 bis 12%.

Der Terminalwert: Warum er so wichtig ist

Ein DCF-Modell plant typischerweise 5 Jahre explizit — danach wird der sogenannte Terminalwert (auch Fortfuehrungswert oder Restwert) angesetzt. In der Praxis macht der Terminalwert 60 bis 75% des gesamten Unternehmenswertes aus. Das bedeutet: Ein Grossteil der Bewertung haengt von einer einzigen Annahme ab — der langfristigen Wachstumsrate nach der Planungsperiode.

Die gaengigste Formel fuer den Terminalwert lautet: TV = FCF im letzten Planjahr x (1 + g) / (WACC - g), wobei g die ewige Wachstumsrate ist (typischerweise 1 bis 2%, nie ueber der langfristigen Inflationsrate).

DCF-Beispielrechnung

DCF-Bewertung: SaaS-Unternehmen mit 25% jaehrlichem Wachstum

Freier Cash Flow Jahr 1200.000 EUR
Freier Cash Flow Jahr 2 (Wachstum 25%)250.000 EUR
Freier Cash Flow Jahr 3312.000 EUR
Freier Cash Flow Jahr 4390.000 EUR
Freier Cash Flow Jahr 5488.000 EUR
Barwert der Cash Flows (Jahr 1–5, WACC 14%)1.040.000 EUR
Terminalwert (2% ewiges Wachstum)4.147.000 EUR
Barwert des Terminalwerts2.153.000 EUR
= Unternehmenswert (DCF)3.193.000 EUR

Beachten Sie: Der Terminalwert macht hier 67% des Gesamtwertes aus. Wuerde man die ewige Wachstumsrate von 2% auf 1% senken, sinkt der Unternehmenswert um ueber 400.000 EUR. Diese Sensitivitaet ist der groesste Nachteil der DCF-Methode.

Wann wird DCF eingesetzt?

  • Bei Unternehmen mit hohem Wachstum und aktuell niedrigem EBITDA (Wachstumspotenzial wird explizit modelliert)
  • Bei Private-Equity-Transaktionen als Plausibilitaetspruefung des Multiple-basierten Kaufpreises
  • Im Bankwesen zur Kreditwuerdigkeitsbeurteilung
  • Als Argumentationsgrundlage, wenn der Verkaeufer ein ueberdurchschnittlich hohes Wachstum nachweisen kann

Wann lohnt sich DCF wirklich?

Faustregel: Verwenden Sie DCF nur, wenn Ihr Unternehmen ein klar planbares Wachstum von mehr als 10% p.a. hat und Sie 3 bis 5 Jahre Finanzplanung vorweisen koennen. Fuer die meisten mittelstaendischen Unternehmen ist der EBITDA-Multiple der ehrlichere und praktikablere Ansatz.

Vorteil: Beruecksichtigt Wachstum und Zukunftspotenzial explizit. Ideal fuer Unternehmen, deren heutiger Ertrag das Potenzial nicht widerspiegelt. Nachteil: Stark abhaengig von Prognosen — kleine Aenderungen der Wachstumsrate oder des Diskontierungssatzes bewegen den Wert erheblich. Im Mittelstand oft unpraktisch, weil keine verlaesslichen 5-Jahres-Planungen vorliegen.

Methode 3: Substanzwert (Net Asset Value)

Der Substanzwert addiert alle Vermoegenswerte und subtrahiert alle Verbindlichkeiten — jeweils bewertet zu aktuellen Zeitwerten (Wiederbeschaffungskosten oder Marktwerte), nicht zu Buchwerten.

Formel: Substanzwert = Aktiva (zu Zeitwerten) - Verbindlichkeiten

Der Unterschied zwischen Buchwert und Zeitwert

Die Bilanz zeigt Buchwerte — also Anschaffungskosten minus Abschreibungen. Der tatsaechliche Marktwert kann erheblich abweichen:

  • Immobilien: Buchwert oft 30 bis 60% unter Marktwert (historische Anschaffungskosten, kaum Zuschreibungen)
  • Maschinen: Buchwert kann hoeher oder niedriger sein — je nach Abschreibungsmethode und tatsaechlichem Verschleiss
  • Vorraete: Bewertung nach FIFO oder Durchschnittsmethode kann von realen Marktwerten abweichen
  • Forderungen: Muessen auf Einbringlichkeit geprueft werden (Einzelwertberichtigung)

Substanzwert: Metallverarbeitungsbetrieb

Immobilien (Zeitwert, Gutachten)1.800.000 EUR
Maschinen und Anlagen (Zeitwert)950.000 EUR
Vorraete320.000 EUR
Forderungen (nach Wertberichtigung)280.000 EUR
Liquide Mittel150.000 EUR
= Summe Aktiva (Zeitwert)3.500.000 EUR
- Bankverbindlichkeiten-800.000 EUR
- Lieferantenverbindlichkeiten-220.000 EUR
- Rueckstellungen-180.000 EUR
= Substanzwert2.300.000 EUR

Wann ist der Substanzwert relevant?

  • Holding-Strukturen mit wesentlichem Immobilienvermoegen
  • Unternehmen mit negativem oder sehr niedrigem Ertrag (Insolvenz-Szenarien)
  • Als Untergrenze bei der Bewertung (kein Kaeufer zahlt weniger als den Substanzwert bei funktionierendem Geschaeft)
  • Bei Liquidationsbewertungen (hier mit Abschlaegen von 20 bis 40% auf Zeitwerte)

Fuer operative Dienstleistungs- und Produktionsunternehmen mit normaler Ertragslage ist der Substanzwert fast immer deutlich niedriger als der Ertragswert — und damit nicht kaufpreisrelevant. Das liegt daran, dass der Substanzwert immaterielle Werte (Kundenbeziehungen, Marke, Know-how, eingespielte Prozesse) nicht erfasst.

EBITDA-Multiple vs. DCF: Der direkte Vergleich

EBITDA-Multiple
  • Marktbasiert — reflektiert reale Transaktionspreise
  • Einfach zu berechnen und zu kommunizieren
  • Standardansatz bei ueber 80% der KMU-Transaktionen
  • Benoetigt nur historische Finanzdaten (3 Jahre)
  • Weniger anfaellig fuer Manipulationen bei Prognosen
  • Nachteil: Bildet Wachstumspotenzial nicht ab
DCF-Methode
  • Zukunftsorientiert — modelliert Wachstum explizit
  • Akademisch fundiert, international anerkannt
  • Ideal fuer Wachstumsunternehmen mit niedrigem EBITDA
  • Benoetigt 5-Jahres-Finanzplanung und WACC
  • Hohe Sensitivitaet bei kleinen Parameteraenderungen
  • Nachteil: Terminalwert dominiert, schwer verifizierbar

Welche Methode gilt beim Verkauf?

In M&A-Verhandlungen im deutschen Mittelstand gilt: Der Markt entscheidet, und der Markt rechnet mit Multiples.

Ein Kaeufer zahlt einen Preis, der seiner Renditeerwartung entspricht. Bei einer Akquisitionsrendite von 15% und einem EBITDA von 1 Mio. EUR ergibt sich ein Kaufpreis von ca. 6,7 Mio. EUR — was einem 6,7x EBITDA-Multiple entspricht.

Die DCF-Methode dient als interne Plausibilisierung, die Substanzwertmethode als Untergrenze. Die Marktmethode (Multiple) ist der Ausgangspunkt jeder Preisfindung.

Peer Group Analyse: So validieren Sie Ihren Multiple

Die Peer Group Analyse vergleicht Ihr Unternehmen mit aehnlichen Unternehmen, die kuerzlich verkauft wurden. Dafuer brauchen Sie Vergleichstransaktionen mit aehnlichen Merkmalen:

  • Branche und Teilbranche: Ein Softwareunternehmen fuer Zahnarztpraxen ist besser vergleichbar mit anderen Dental-Tech-Firmen als mit allgemeiner Unternehmenssoftware
  • Groessenklasse: Die Multiples fuer ein 500K-EUR-EBITDA-Unternehmen unterscheiden sich erheblich von denen fuer ein 5-Mio.-EUR-EBITDA-Unternehmen (Groessenprämie: 1 bis 3 Punkte)
  • Region: Deutsche Transaktionen als primaere Referenz, europaeische als Ergaenzung
  • Zeitraum: Idealerweise Transaktionen der letzten 24 Monate — aeltere Daten spiegeln andere Marktbedingungen wider

Quellen fuer Transaktionsmultiples: Finance-Datenbanken (PitchBook, Refinitiv, Mergermarket), IHK-Transaktionsdaten, M&A-Berater-Netzwerke und branchenspezifische Studien. Fuer boersennotierte Vergleichsunternehmen (Trading Multiples) bieten sich Bloomberg oder CapitalIQ an — allerdings liegen boersliche Multiples typischerweise 20 bis 30% ueber den Transaktionsmultiples fuer vergleichbare private Unternehmen (Liquiditaetspraemie).

Drei Methoden, ein Unternehmen: Das Vergleichsbeispiel

Um die Unterschiede greifbar zu machen, bewerten wir dasselbe Unternehmen mit allen drei Methoden:

Metallverarbeitungsbetrieb: 4 Mio. EUR Umsatz, 500K EUR normalisiertes EBITDA, 2 Mio. EUR Anlagevermoegen (Zeitwert), 800K EUR Verbindlichkeiten. Wachstumsrate der letzten 3 Jahre: 3% p.a.

Vergleich: EBITDA-Multiple (Industrie, 4,5x-6,0x)

Normalisiertes EBITDA500.000 EUR
x Multiple (unterer Rand)4,5x
= Enterprise Value (konservativ)2.250.000 EUR
x Multiple (oberer Rand)6,0x
= Enterprise Value (optimistisch)3.000.000 EUR
Bewertungsrange2,25 – 3,0 Mio. EUR

Vergleich: DCF-Methode (WACC 12%, Wachstum 3%)

FCF Jahr 1 (ca. 80% des EBITDA)400.000 EUR
FCF Jahr 2412.000 EUR
FCF Jahr 3424.000 EUR
FCF Jahr 4437.000 EUR
FCF Jahr 5450.000 EUR
Barwert Cash Flows (Jahr 1–5)1.530.000 EUR
Terminalwert (2% ewiges Wachstum, abgezinst)1.470.000 EUR
= Unternehmenswert (DCF)3.000.000 EUR

Vergleich: Substanzwert

Anlagevermoegen (Zeitwert)2.000.000 EUR
Umlaufvermoegen600.000 EUR
- Verbindlichkeiten-800.000 EUR
= Substanzwert1.800.000 EUR

2,25 – 3,0 Mio. EUR

Realistische Bewertungsrange (Multiple-Methode)

Substanzwert (1,8 Mio.) als Untergrenze, DCF (3,0 Mio.) als Plausibilitaetspruefung

Praxis-Tipp: Die Triangulation

Professionelle M&A-Berater verwenden immer mindestens zwei Methoden und vergleichen die Ergebnisse. Wenn Multiple- und DCF-Bewertung deutlich auseinanderlaufen, liegt ein Pruefungsbedarf vor: Entweder stimmen die DCF-Annahmen nicht, oder der Multiple reflektiert das Zukunftspotenzial nicht. In der Verhandlung argumentieren Sie mit der Methode, die Ihre Position staerkt — aber Sie sollten beide verteidigen koennen.

Haeufige Bewertungsfehler — und wie Sie sie vermeiden

In der Praxis sehen M&A-Berater immer wieder dieselben Fehler. Jeder einzelne kann den Kaufpreis um 10 bis 30% verzerren — nach oben oder nach unten.

Fehler 1: EBITDA nicht oder falsch bereinigt

Das haeufigste Problem: Die GuV wird unbereinigt verwendet. Ein Inhaber, der sich 250.000 EUR Gehalt zahlt, hat ein deutlich niedrigeres EBITDA als ein vergleichbares Unternehmen mit einem 100.000-EUR-Geschaeftsfuehrer. Ohne Bereinigung wird das Unternehmen systematisch unterbewertet.

Umgekehrt: Manche Verkaeufer bereinigen zu aggressiv und addieren Kosten zum EBITDA, die ein Kaeufer weiterhin tragen wird. In der Due Diligence fliegt das auf — und zerstoert Vertrauen.

Fehler 2: Falsche Peer Group bei Multiple-Wahl

Ein IT-Dienstleister ist nicht automatisch ein SaaS-Unternehmen. Ein Ingenieurbüro mit 80% Projektgeschaeft und einem wiederkehrenden Wartungsanteil von 20% sollte nicht mit den Multiples eines Pure-Play-SaaS-Unternehmens bewertet werden. Die Wahl der richtigen Vergleichsgruppe ist eine Kunst — und einer der wichtigsten Diskussionspunkte in jeder Verhandlung.

Fehler 3: Einmaleffekte in der Zukunftsplanung

Im DCF-Modell tauchen manchmal Einmalerlöse (ein grosser Projektauftrag) in der Zukunftsplanung als wiederkehrend auf. Oder umgekehrt: Einmalige Investitionen werden in jedem Planjahr wiederholt. Beides verzerrt den Unternehmenswert erheblich.

Fehler 4: Emotionale Preisvorstellung

Der haeufigste Fehler bei Eigentuemer-gefuehrten Unternehmen: Der Verkaeufer setzt den Wert seiner Lebensleistung mit dem Marktwert gleich. 30 Jahre harte Arbeit fuehlen sich nach 10 Millionen an — aber wenn das normalisierte EBITDA bei 400.000 EUR liegt und die Branche mit 5x handelt, dann ist der Marktwert 2 Millionen.

Fehler 5: Wachstum ohne Substanz

In DCF-Modellen wird gerne 10% jaehrliches Wachstum angenommen — aber ohne zu pruefen, ob das historisch belegt, strategisch plausibel und mit den vorhandenen Ressourcen erreichbar ist. Jeder seriöse Kaeufer wird Ihre Wachstumsannahmen hinterfragen und auf Evidenz bestehen.

EBITDA mit allen Bereinigungen dokumentiert (Inhabergehalt, Einmaleffekte, Private)
3-Jahres-Durchschnitt berechnet (gewichtet: 50/30/20)
Branchenspezifischen Multiple mit Quellen belegt
Enterprise-Value-zu-Equity-Value-Bridge erstellt
DCF als Plausibilitaetspruefung durchgerechnet (bei Wachstumsunternehmen)
Substanzwert als Untergrenze ermittelt
Peer-Group-Analyse mit mindestens 5 Vergleichstransaktionen

Fazit

Fuer den Unternehmensverkauf im Mittelstand ist die EBITDA-Multiple-Methode massgeblich. Ihre Vorbereitung sollte deshalb mit der Frage beginnen: Wie hoch ist unser normalisiertes EBITDA, und welche Multiples sind in unserer Branche realistisch?

Die DCF-Methode ist die richtige Ergaenzung fuer Wachstumsunternehmen, der Substanzwert sichert die Untergrenze. In der Praxis fuehrt die Kombination aller drei Methoden — die sogenannte Triangulation — zum belastbarsten Ergebnis.

Vermeiden Sie die fuenf haeufigsten Bewertungsfehler (unbereinigtes EBITDA, falsche Peer Group, Einmaleffekte in der Planung, emotionale Preisvorstellung, unbegruendetes Wachstum), und Sie gehen mit einer realistischen, verteidigbaren Bewertung in jede Verhandlung.

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